Theaterproben sind faszinierend.
Nicht nur wegen der Kunst.
Sondern vor allem wegen der Sprache.
Denn kaum irgendwo sonst schaffen es Menschen, völlig harmlose Sätze in emotionale Katastrophen zu verwandeln.
Hier ein kleiner Übersetzungskurs aus dem echten Probenalltag.
Regisseur:
„Das war interessant.“
Bedeutet:
Das war grauenhaft, aber ich suche noch nach einer diplomatischen Formulierung.
Schauspielerin:
„Ich probiere da einfach mal etwas aus.“
Bedeutet:
Ich mache jetzt exakt das Gegenteil von dem, was gestern besprochen wurde.
Schauspieler:
„Ich brauche einfach noch etwas Sicherheit.“
Bedeutet:
Ich kenne weder Text noch Auftritt noch Ausgang.
Regie:
„Etwas weniger.“
Der klassische Theater-Satz.
Problem:
Niemand weiss, wovon weniger.
Weniger Emotion?
Weniger Lautstärke?
Weniger Arme?
Weniger Existenz?
„Mach es natürlicher.“
Der wohl gefährlichste Satz überhaupt.
Denn danach spielen plötzlich alle so, als würden sie eine Steuererklärung spielen.
„Du darfst grösser spielen.“
Das hören Schauspieler völlig unterschiedlich.
Variante A:
etwas mehr Energie.
Variante B:
eine Mischung aus Shakespeare, Zirkus und mittelschwerem Stromschlag.
„Das Publikum muss verstehen, was du willst.“
Bedeutet:
Im Moment versteht absolut niemand irgendetwas.
„Wir müssen den Rhythmus finden.“
Klingt wahnsinnig professionell.
Heisst aber meistens:
Alle reden gleichzeitig und niemand hört auf Einsätze.
„Das hatte gestern mehr Energie.“
Der Satz fällt oft gegen Ende einer Probe.
Meistens zu einem Zeitpunkt, an dem:
- alle müde sind
- jemand Hunger hat
- zwei Leute innerlich gekündigt haben
- und die Technik seit zwanzig Minuten ein bedrohliches Summgeräusch macht.
„Kannst du schneller reagieren?“
Eine beliebte Regieanweisung.
Die Schauspielerübersetzung lautet:
„Du bist schuld am Timing.“
„Ich spüre die Szene noch nicht.“
Ein Satz, der alles und nichts bedeuten kann.
Theaterdeutsch für:
„Irgendetwas stimmt nicht, aber ich weiss leider selber nicht was.“
„Lass uns kurz von vorne anfangen.“
Das sagt man nie „kurz“.
Nie.
Und trotzdem …
… entsteht genau aus diesem Durcheinander Theater.
Aus Missverständnissen.
Aus Diskussionen.
Aus falschen Betonungen.
Aus verletzten Eitelkeiten.
Aus Menschen, die gleichzeitig sensibel, übermüdet, kreativ und völlig überzeugt davon sind, recht zu haben.
Und irgendwann passiert es plötzlich:
Eine Szene funktioniert.
Niemand weiss genau warum.
Aber für einen kurzen Moment schauen alle gleichzeitig auf die Bühne und denken:
„Jetzt haben wir’s.“
Bis jemand fragt:
„Entschuldigung … wann genau ist Premiere? Ich hatte doch mitgeteilt, dass ich dann in der Karibik bin!“

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